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July

2021

Wehe den Hirten, die umkommen lassen und zerstreuen!

Jeremia 23,1-6

1 Wehe den Hirten, die die Herde meiner Weide umkommen lassen und zerstreuen!, spricht der HERR. 2 Darum, so spricht der HERR, der Gott Israels, über die Hirten, die mein Volk weiden: Ihr habt meine Herde zerstreut und verstoßen und nicht nach ihr gesehen. Siehe, ich will euch heimsuchen um eures bösen Tuns willen, spricht der HERR. 3 Und ich will die Übriggebliebenen meiner Herde sammeln aus allen Ländern, wohin ich sie verstoßen habe, und will sie wiederbringen zu ihren Weideplätzen, dass sie fruchtbar sein sollen und sich mehren. 4 Und ich will Hirten über sie setzen, die sie weiden sollen, dass sie sich nicht mehr fürchten noch erschrecken noch heimgesucht werden, spricht der HERR. 5 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. 6 Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der HERR ist unsere Gerechtigkeit«.

Liebe Gemeinde,

vor einigen Jahren erlebte ich im Februar auf Kreta einen heftigen Wintereinbruch. Bei einer meiner Wanderungen entdeckte ich am Wegesrand 25 erfrorene Schafe, vom Hirten säuberlich aufgereiht. Sehr bald hörte ich im Dorf, der Herdenbesitzer plane Schadenersatz bei der Europäischen Union einzureichen, von der er ja auch die Subventionen für seine große Herde erhalten hatte. Nun, die Schafe lagen zwei Monate später immer noch am Weg. Kopfschüttelnd wurde im Dorf über das Enfant terrible der eigenen Zunft gesprochen, man wisse doch, wenn es oben in den Bergen friert, müssen die Tiere herunter an die Küste gebracht werden. Aber ich hörte im Dorf auch andere Geschichten von Schafzüchtern, für die ihr Hirten-Beruf zur reinen Geldmaschine geworden ist. Wo es unkontrolliert Pauschalbeträge für jedes Schaf gibt, wächst die Herde um ein Vielfaches mehr, als es die karge Gebirgslandschaft verträgt. Gemästet werden deshalb die Schafe schon seit Jahren nicht mit einheimischem Gras, das längst der Überweidung und daraus folgenden Bodenerosion zu Opfer fiel – sondern mit ebenfalls EU-subventioniertem Gen-Mais aus den USA. Auch konnte ich von meiner Behausung im Bergdorf aus die ökologischen Folgen der Erosion beobachten: der häufige Starkregen bewirkt unkontrollierte Sturzfluten, die wachsenden Schlammmassen fließen 800 Höhenmeter herab ins Meer und bilden dort unten eine riesige braune Wasseroberfläche, die erst nach Tagen wieder ihr ursprüngliches Türkisblau zeigt.

Ich habe auf Wanderungen und Reisen auch andere Hirten erlebt, gute und schlechte Hirten eben. Wesentlich scheint mir, ob sie kurzfristig Geld mit Schafen machen wollen oder ob sie ihre Verantwortung erkennen für ihre Herden und die Landschaft, die vielen Menschen und Lebewesen Heimat ist und der sie ihr Auskommen verdanken; ob sie sich in ihrem Handeln von Selbstsucht oder von Sorge für ihre Mitwelt leiten lassen.

Die Bibel ist voll von Hirtengeschichten. Jeder verstand sie, denn die Israeliten waren ein Nomadenvolk. Und so redet denn auch Gott aus dem Munde seiner Propheten von guten und schlechten Hirten, wie hier in Ezechiel 34, 2-6:

„Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Das Schwache stärkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück, und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt. Und meine Schafe sind über das ganze Land zerstreut, weil sie keinen Hirten haben, und sind allen wilden Tieren zum Fraß geworden. Sie irren umher auf allen Bergen und auf allen hohen Hügeln. Niemand ist da, der nach ihnen fragt oder sie sucht."

Solche Klageworte richteten sich gegen die Oberhirten des Volkes Israel. Der Inbegriff eines schlechten Hirten war Zedekia, der letzte König von Juda, den der Prophet Jeremia vergeblich davon abzubringen versuchte, das Schicksal Israels seinen eigenen Interessen und Machtambitionen zu opfern. Die Geschichte der beiden liest sich wie ein Roman über einen beratungsresisten­ten Diktator und seinen letzten am Leben gebliebenen Berater, der seinem Berufsethos die Treue hält. Immer wenn es brennt, schmeichelt sich der Diktator bei ihm ein, um ihn sofort wieder fallen zu lassen, wenn er seine Dienste für überflüssig hält.

Zedekia war vom babylonischen Königs Nebukadnezar als Vasall im eroberten Jerusalem eingesetzt, die oberen Zehntausend ins Exil verschleppt worden. Zedekia hielt niemandem als sich selbst die Treue. Schon bald verriet er seinen Gönner und zettelte im Bündnis mit anderen Vasallen einen Aufstand an. Für seinen Sieg ließ er Jeremia bitten, bei Gott ein gutes Wort einzulegen. Doch die Antwort ist unsere heutige Prophetenrede: „Siehe, ich will euch heimsuchen um eures bösen Tuns willen, spricht der HERR“ (Jer 23). Gott richtet Droh- und Gerichtsworte gegen Israel und Zedekia und verkündet sehr viel später eintretendes Heil: Statt des treulosen Königs wird ein Gerechter Nachkomme Davids Recht und Gerechtigkeit üben und im Auftrag Gottes die verirrten Schafe wieder einsammeln.

Zedekias Aufstand scheitert. Wenig später riskiert er einen zweiten Aufstand, als sich der ägyptische Pharao zum Feldzug gegen die Babylonier anschickt. Doch der Pharao stirbt und die Babylonier belagern Restjerusalem. Jetzt sucht Zedekia beim Propheten Jeremia die Schuld dafür und verhaftet ihn. Vom Gefängnis aus prophezeit Jeremia weiter Unheil und preist Nebukadnezar als „Knecht Gottes“. Auch verurteilt er die von Zedekia geduldete Versklavung von Menschen, die zwischenzeitlich auf freien Fuß gesetzt waren.

Wieder bittet Zedekia den Propheten, sich bei Gott für ihn und für einen Sieg zu verwenden, befragt ihn sogar heimlich nach seiner Zukunft. Gleich danach schaut er zu, als die obersten Beamten Jeremia in eine Zisterne werfen, wo er verhungern und verdursten soll, lässt ihn aber schließlich befreien. Ein letztes Mal schleicht er sich zum Propheten und befragt ihn nach seiner Zukunft. Jeremia verkündet: Wenn er vor Nebukadnezar kapituliert, wird dieser ihn und das Volk verschonen. Doch Zedekia ändert nicht seinen Sinn, sei es aus Starrsinn, Verkennung der Situation oder aus Feigheit seinen Obersten gegenüber. Wir wissen nicht, ob er aus eigenem Antrieb handelte oder die Marionette von Drahtziehern im Hintergrund war. Auf jeden Fall war er ein schlechter Hirte seines Volkes. Die zweite Niederlage wird die Katastrophe, Jerusalem wird dem Erdboden gleichgemacht. Was mit seinen Bewohnern geschah, erzählen uns die Klagelieder. Zedekia verschleppt man geblendet in Ketten nach Babylon.

Diese Geschichte habe ich so ausführlich erzählt, weil mir viele aktuelle Parallelen dazu einfielen.

Hören wir jetzt nach soviel Gerichts- und Unheilrede die guten Trostworte Gottes aus dem Mund des Jeremia:

„Und ich will die Übriggebliebenen meiner Herde sammeln aus allen Ländern, wohin ich sie verstoßen habe, und will sie wiederbringen zu ihren Weide­plätzen. Und ich will Hirten über sie setzen, die sie weiden sollen, dass sie sich nicht mehr fürchten noch erschrecken noch heimgesucht werden. Siehe, es kommt die Zeit, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der HERR ist unsere Gerechtigkeit«."

Wir haben hier ein Spiel mit dem Wort „Gerechtigkeit“: Zedaka.

Gott ist unsere Gerechtigkeit“: Für hebräische Leser und Hörerinnen schwingt in diesem Namen eine bitterböse Spitze gegen den damaligen König mit. Der Name Zedekia bedeutet übersetzt „Gott ist meine Gerechtigkeit“. Er hatte die Gerechtigkeit für sich gepachtet, war einer, der immer nur das Seine suchte, ein Wendehals, für den es dann gerecht zuging, wenn der Vorteil auf seiner Seite lag. Er war ein Hirte, der Unfrieden und Zwietracht säte: Unfrieden zerstört Gemeinschaft, vereinzelt die Menschen, zerstreut die Schafe.

Meine Gerechtigkeit“ heißen Menschen, die in der Not nur fragen, wo ihnen geholfen wird, und sich um die Not der anderen nicht scheren. Doch Gott will „Meine Gerechtigkeit“ ersetzen durch einen neuen König mit dem Namen: „Gott ist unsere Gerechtigkeit“. Mit dem neuen König siegt Gottes Gerechtigkeit, eine Gerechtigkeit, die allen gilt und niemandem gehört. „Rechtströme wie Wasser und Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“ heißt es beim Propheten Amos.

Die Menschen der Bibel verbanden Gerechtigkeit mit konkreten Lebensumständen, aber nicht im Sinne heutiger Rechtsprechung. „Gerechtigkeit“ umfasst alle Beziehungen, zwischen Gott und Mensch, Gott und Volk, Menschen untereinander und mit der ganzen Welt. Wo „unsere Gerechtigkeit“ regiert, ist das messianische Friedensreich angebrochen.

Ich habe in letzter Zeit viel von der Philosophin und Mystikerin Simone Weil gelernt. Gerechtigkeit ist das Wort, das über der gottgewollten Gemeinschaft aller Geschöpfe steht. Wo es ungerecht zugeht, da sind Menschen entwurzelt und vereinzelt, wie eine Herde ohne Hirten. Simone Weil erkennt diese Entwurzelung in unserer Zeit überall, wo Menschen im Streben nach Gewinn und Eigennutz nur als Mittel zum Zweck missbraucht werden.

Das einzige Mittel gegen diese Entwurzelung ist eine gute Ordnung, in der die Bedürfnisse der Seelen Vorrang haben und wo Menschen ihrer wichtigsten Pflicht nachkommen können: Einem Menschen, der Hunger leidet, zu essen zu geben, sofern es ihm möglich ist. Aber nicht nur der Körper, auch die Seele will ernährt, ihr „Hunger“ nach Ordnung, Freiheit und Verantwortung gestillt werden. Unsere Aufgabe auf der Erde ist, meint Simone Weil, dafür zu sorgen, dass Menschen nicht hungern müssen an Leib und Seele. Das geht nur in der Liebe, der gleichen Liebe, die uns in Gottes Gerechtigkeit begegnet. „Die Liebe ist der Blick der Seele“.1 Dieser liebevolle Blick einer durch Gott erleuchteten Seele prägt ihre Sicht auf die Menschen.

Das ist für mich der Unterschied zwischen „Meiner Gerechtigkeit“ und „Unserer Gerechtigkeit“: „Meine Gerechtigkeit“ ist das kalte Recht, das jedes Regelwerk danach durchkämmt, wo es einem selbst Vorteile bringt. „Unsere Gerechtigkeit“ ist vom liebenden Blick auf den anderen geleitet und sucht, was ihnen nottut. Menschen mit liebendem Blick warten auf die Schwachen, verbinden die Verwundeten und suchen das Verlorene. Bitten wir Gott darum, dass er seine Gerechtigkeit durch uns strömen lässt. Amen.

1 https://walter-buder.at/simoneweil2/

Dorothea Höck

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July

2021

Erklärung II der Initiativgruppe Ökumene in Regler

4

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July

2021

"Stell dich auf deine Füße!" (Ez 2,1)

"Stell dich auf deine Füße!" (Ez 2,1)

Predigt von Br. Jeremias OSA
am 04. Juli 2021 (14. So B) in der Reglerkirche Erfurt

Fotos & Schnitt: Matthias Kiesl
Technik: Steffi Krause

Bruder Jeremias OSA

28

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June

2021

Zwei Häuser eines Herrn - Vernissage in Regler

Das Künstlerpaar Monika und L'ubo Stacho mit Stefanie Bose (Mitte) bei der Vernissage in der Reglerkirche.
Begrüßung durch Br. Jeremias OSA

Sehr geehrte Damen und Herren,

seien Sie herzlich willkommen hier in der Ev. Reglerkirche zur Vernissage der Fotoausstellung „Zwei Häuser eines Herrn“ von Monika und L'ubo Stacho.

Ich grüße Sie auch namens meiner Mitbrüder im Augustiner­orden, des Kath. Forums im Land Thüringen, vertreten durch seinen Leiter Niklas Wagner, und des Bistums Erfurt. Niklas Wagner hat für uns den Kontakt hergestellt, dass wir heute die Ausstellung hier in Regler eröffnen können.


Besonders möchte ich begrüßen S.E. Marián Jakubócy, den Botschafter der Slowakischen Republik in Deutschland;

Herrn Dipl. Ing. Ivo Hanuš, Botschaftsrat und Direktor des Slowakischen Instituts in Berlin;

Herrn Dr. Albrecht Tintelnot, Honorarkonsul der Slowakischen Republik für Thüringen und Sachsen mit seiner Assistentin Frau Stefanie Bose

und

Frau Tanja Krombach, stellv. Direktorin des Deutschen Kulturforum östliches Europa, der ich schon an dieser Stelle ebenso wie Frau Bose sehr herzlich danke für die wunderbare Zusammenarbeit.

Ihnen allen ein herzliches Willkommen!


Es war ja lange nicht abzusehen, ob zum Zeitpunkt der Ausstel­lungs­eröffnung Reisen selbst innerhalb Europas möglich sein würden. Umso mehr freue ich mich, dass das Künstlerpaar Monika und L'ubo Stacho persönlich anwesend ist. Sie haben bereits am Samstag die Fotoausstellung hier in der Reglerkirche arrangiert und werden nachher auch ein paar Worte an uns richten. Seien Sie ganz herzlich willkommen!

Sabine Lindner hat uns zu Beginn mit Worten Hildegard von Bingens von Maria, der Gottesmutter, als der „Grünkraft Gottes“ gesungen. Unsere Sonne strahlt vor allem Licht des grünen Licht­spektrums, weshalb die meisten Pflanzen unserer Erde auch grün sind. So können sie am besten Photosynthese betreiben. Maria ist sozusagen die Grünkraft, die uns Gottes Energie zugänglich macht, indem sie der Welt Jesus Christus geboren hat.

Es braucht die Grünkraft unseres Gottes, damit Versöhnung möglich wird – gerade auch in Europa, das in seiner Geschichte immer wieder zerrissen wurde, am schlimmsten sicher durch die NS-Tyrannei und der Shoa; auch von den Wunden dieser Zeit erzählt die Fotoausstellung.

Der Kath. Bischof des Bistums Erfurt, Dr. Ulrich Neymeyr, richtet ein Grußwort an uns, das ich an dieser Stelle verlesen darf:

Der Titel der Ausstellung „Zwei Häuser eines Herrn“ spricht mich sehr an. Er verdeutlicht den engen Zusammenhang, der zwischen dem Judentum und dem Christentum besteht: Jesus war Jude, ebenso seine Mutter Maria und seine Apostel. Dass Juden und Christen als Geschwister im Glauben bezeichnet werden, hat also seine tiefe Berechtigung.

Diese enge Verwandtschaft allerdings ist viele Jahrhunderte lang von Seite der Christen missachtet und verletzt worden. Christen haben Juden diskriminiert, gesellschaftlich ausgegrenzt, verfolgt und getötet. Die Gegensätze zwischen den ansehnlichen Kirchen und den verfallenen Synagogen, die „Zwei Häuser eines Herrn“ ins Bild rückt, erinnern auch daran. Dieses düstere Kapitel der Kirchengeschichte ist für mich eine bleibende Mahnung, wohin Antisemitismus und Antijudaismus führen können. Deshalb halte ich als Christ es für meine Pflicht, einzuschreiten, wenn anti­semitische oder antijüdische Positionen vertreten werden – ganz gleich, ob solche Stimmen von Christen oder von Nichtchristen kommen.

Heute erlebe ich das Miteinander vonJuden und Christen in Thüringen als sehr positiv – Gott sei Dank. Das Thüringer Themenjahr „Neun Jahrhunderte Jüdisches Leben in Thüringen“, das auf einer gemeinsamen Initiative der Jüdischen Landes­gemeinde Thüringen und der christlichen Kirchen in Thüringen fußt, ist ein Beispiel dafür. Gleiches gilt für die vielen Initiativen, die Juden und Christen in Thüringen gemeinsam durchführen, etwa im Bereich des Interreligiösen Dialogs oder im Bereich der Erwachsenenbildung. Es tut uns gut, ein positives Verhältnis zu unseren Geschwistern zu haben. Tragen wir unseren Teil dazu bei, dass dieses positive Verhältnis weiterhin Bestand hat. Dann können Juden und Christen in Thüringen und weltweit von dem einen Herrn Zeugnis ablegen, den wir in unseren zwei Häusern verehren.

Gez. Dr. Ulrich Neymeyr, Bischof von Erfurt

Weitere Statements und Grußworte finden sich in der Broschüre zur Ausstellung, die in der Kirche ausliegt.

Bruder Jeremias OSA

27

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June

2021

Talita kum - steh auf!

Predigt

Eigentlich möchten wir uns doch mit Krankheit, Leiden und Tod nicht auseinandersetzen. Und dennoch ist das alles immer um uns herum und immer wieder auch bei uns. In den Nachrichten, in Zahlen, im ganz persönlichen Erleben. Und da werden uns an so einem so sonnigen Abend/ Mittag gleich zwei doch ziemlich dramatische Texte vorgelesen. Sie haben einen gemeinsamen Nenner, e i n e Botschaft: Es soll nicht um den Tod allein gehen, sondern um das Leben! „Gott hat den Tod nicht gemacht und hat kein Gefallen am Untergang der Lebenden" (Weish 1,13). Geschichten mit Happy-End, das ist es! Und genau das brauchen wir doch!

Es gibt sogar eine Kurzfassung dieser schönen Geschichte, damit wir heutigen Menschen mit Twitter usw. im Trend bleiben: Verarbeitbare Informationen müssen auf 130 Zeichen begrenzt sein. Das wusste Markus noch nicht, als er die beiden Geschichten so ausführlich und in ihrer unfassbaren Dramatik miteinander verwoben hat, um sie dann der Gemeinde zuzumuten. Kurz und Knapp oder leicht verdaulich bzw. schnellstens technisch verarbeitbar, da geht alle Spannung verloren, sogar Inhalt: Schade, dass das heute so ist...

„Gott hat keinen Gefallen am Untergang der Lebenden“ (Weish 1,13). Aber das wissen wir doch! Wozu nur immer wieder dasselbe?

O.k., dann mal anders. Stellen Sie sich mal bitte Folgendes vor: Wir säßen hier in einer der beiden Notaufnahmen Erfurts. Es ist Samstagabend/Sonntag. Jesus ist auch da. Er ist ja Arzt, logisch – Christus der Medicus. Außer ihm, sehr zeitgemäß, wenig Personal, abgesehen von Auszubildenden und Ärzten im Praktikum. Wir kennen ihre Namen: Petrus, Jakobus,Johannes.

Ein weiterer Notfall: Ein Vater stürmt herein und ruft nach ärztlicher Hilfe, seine Tochter liegt im Sterben, erst 12 Jahre alt. Kind eines wichtigen Mannes in der Stadt, des Synaogenvorstehers Jairus.

Er kommt gleich zur Diagnose: eine Krankheit zum Tod. Da muss der Arzt gar nicht mehr fragen, keine Diagnostik. Und er geht mit, um zu helfen. Doch eine Notaufnahme kennt nur dramatische Fälle, und so ist kein Durchkommen, zuviel Leid, er wird aufgehalten. So viel von außen betrachtet – die dramatische Handlung.

Nun von einer anderen Perspektive ausgehend: Da ist eine Frau, die wohl nicht als Notfall gelten kann, denn sie ist chronisch krank. Seit 12 Jahren, ein Frauenleiden, so lange schon, wie das Mädchen Jahre zählt. Vielleicht ein ganzes Leben, beginnend mit ihrer ersten Menstruation. Der Erzähler richtet das Augenmerk nach innen: Er blickt ins Herz, das voll von Emotionen ist und von ihrer Diagnostik. Ein Leiden übrigens, das bis heute nur schwer zu behandeln und sehr belastend ist. Markus liest sich ähnlich wie klinische Studien. 12 Jahre geht das schon, von Arzt zu Arzt (alles Männer übrigens), und der Zustand hat sich verschlimmert, statt verbessert. Was sie das wohl gekostet haben mag...

Da ist noch etwas: Nach 3 Mose / Levitikus, also dem Gesetz, ist die Frau unrein. Sie also wagt es, Jesus trotzdem zu berühren, ihn den Mann mit einem Frauenthema, ihrem Problem, zu belästigen.

Doch Markus geht es um eine andere Form des Leidens, um die Gesamtheit: Das körperliche Leiden ist ein religiös-psychosoziales geworden. Sie ist ausgeschlossen, beschämt, mit einem Tabu belegt. Sie ist längst einen sozialen Tod gestorben, in 12 Jahren. Das ist kein Tod weniger, als der des Mädchens.

Beide sind in der Notaufnahme. Aus Verzweiflung, aus Glauben, Frau und Vater. Beides? Bei einem Notfall ist das doch wohl kein Unterschied, das kennen wir alle.

Die Frau berührt Jesu Gewand und spürt sofort an sich Veränderung. Wir werden wieder in ihr Inneres geführt: in ihr Empfinden, ihr Spüren, ihr körperliches Bewusstsein.

Dann kommt das Empfinden Jesu, als könnte man ihm die Seele sehen: Jesus fühlt, dass eine Kraft von ihm ausströmt, etwas Überwältigendes also. Und Jesus will, ja muss es wissen, wer ihn berührt hat. – Sie gesteht ihm die ganze Wahrheit. Sie offenbart ihm ihr ganzes Leiden, eine Art Lebensbeichte.

Und Jesus? – MeineTochter, sagt er, wissend, dass noch ein Mann da ist, dem es um seine Tochter geht, um die er bangt... Du sollst nicht mehr leiden. Gott hat mit dem Tod nichts zu schaffen, weder mit dem physischen, noch mit dem psychischen, auch nicht mit dem sozialen. Und nichts mit dem religiösen. Geh in Frieden, Shalom! D.h. Leben. Leben ohne Tod. Heilung pur! Da muss ja die andere Geschichte auch konsequent ausgehen, oder?

Diese ist doch genauso aufregend, weniger mit Scham besetzt und Tabus belegt, dafür ist es existenzielles Leiden. Der Vater, im Schlepptau den Notarzt Jesus  – sie müssen hören, dass die Tochter tot ist.

Unverständnis, schallendes Lachen kommt ihnen entgegen: Was will der Wunderheiler hier? Ist doch eh nichts mehr zu machen! Ist alles zu spät! Weinen und heulen (Luther), heftiges weinen und klagen (Einheitsübetrsetzung). Ich glaube, wir können es nachvollziehen und fast hören.

Jesus? Schart seine Jüngern und die Eltern um sich, auch die Mutter! Und die engsten Zugehörigen. Alle, die mit dem Mädchen leben, alle die ihr verbunden sind. Und er ruft das Mädchen zurück in ein Leben, ein Erwachsenenleben.

„Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit geschaffen und ihn zum Abbild seines eigenen Wesens gemacht“ (Weish 2,23), liest es sich im Buch der Weisheit. Das ist der Wahnsinn, sagen die einen, Dramatik pur, die anderen, Wundergeschichten. Für uns, Sie und mich. Für unseren Umgang mit dem Tod. Für uns, die wir werktags wie sonntags in der Notaufnahme sitzen, weil wir mit dem Tod konfrontiert sind: durch Krankheit, mit der eigenen Sterblichkeit, dem Tod nahestehender Menschen, mit Trauer...

Mit dem Tod, der so viele Facetten, Gesichter in unserer Welt hat: psychisches Leiden und Absterben, sozialer Tod, Beschämungen, dem Verlust von Hoffnungen auf Frieden, auf Gerechtigkeit weltweit.

Kein Wunder, dass schnell Sarkasmus aufkommt, zynischer Sarkasmus, der uns drängt, sich mit der Vergeblichkeit von Hoffen und Engagement abzufinden. In Europa, in der Welt, hierzulande. Sarkasmus aber ist die Schwester des Todes.

Doch Gott hat mit dem Tod nichts zu tun: "Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit geschaffen und ihn zum Abbild seines eigenen Wesens gemacht" (Weish 1,13).

O.k., lehnen wir uns zurück, lassen es stehen: Alles schon mal gehört! Gut, den Bezug zur Medizin, mal was anderes. Und die Ausgrenzung, o.k.

Oder der mitfühlende Jesus – auch mal was anderes. Und mit dem Tod...

Ein Satz aus dem Römerbrief, der darf nicht ungehört und ausgelassen werden: „Wie ihr aber in allen Stücken reich seid, im Glauben und im Wort und in der Erkenntnis und in allem Eifer und in der Liebe, die wir in euch geweckt haben, so gebt auch reichlich bei dieser Wohltat“ (2 Kor 8,7). Sind wir das? Reich in vielerlei Weise?

Ja, wir sind doch die Frau, die im Segen lebt, den Jesus ihr zugesagt hat. Ja, wir können aufstehen und umhergehen und essen, wie die Tochter des Jairus. Spüren, wahrnehmen, dass es so ist und dann anderen vom Reichtum abgeben, deren Leben vom Tod geprägt ist. Mit unserem Überfluss dem Mangel anderer abhelfen. Sich wie Jesus mit dem Tod in seinen tagesaktuellen Facetten nicht abfinden! Ach, wo sind wir denn reich?

Das 2. Vatikanum hat es schon deutlichst auf den Tisch gelegt, die drei Gnadengaben der Kirche, der Gemeinden:

* Martyria – die Verkündigung des Evangeliums

* Diakonia – der Dienst der Liebe

* Leiturgia – die Sakramente.

Nein, nicht nur Caritas und Diakonie, also Spenden von Geld und Zeit. Das wäre doch zu einfach im Einsatz gegen Krankheit und Tod. Die Gnadengaben finden sich im Heil der Sakramente, die uns in die Lage versetzen, uns aus dem Tod zu befreien. Wir sollten sie freimütig geben, verschenken an alle, die sie brauchen, die sie auch haben wollen, wie die unreine Frau. Es sind doch Gaben des Lebens und nicht der neuerlichen Ausgrenzung in einer Welt unzähliger Tode und unbändigen Sarkasmus'. Sie sind Feiern des Lebens. Und unser Gott will das Leben!

Wir sind beschenkt und reich, so reich, dass wir abgeben sollten, dahin wo das Leid existenziell ist, wo Scham und Tabuisierung tiefes Leid verursachen: körperlich, psychisch, im sozialen Tod und in spirituellen Krisen. Wir müssen sie verschenken dürfen, ohne dass dafür Ungehorsam geleistet werden muss. Taufe – immer Zeichen des Lebens. Ehesegen für diejenigen, deren Liebe einmal zerbrochen ist und tabuisiert wurde. Krankensalbung – gerade denen, die nicht mehr gesund werden können oder für die, die darauf Kraft für ihren Heilungsprozess dazu geschenkt bekommen haben möchten. Wir sind nicht arm, wir sind reich, als Gemeinde, als Kirche! Eher arm an Ideen, am rechten Blick für Not... Hat nicht dieser Jesus seine Jünger wie Ärzte im Praxisjahr gelehrt und ihnen gezeigt, wie es geht?

Sich berühren lassen und von der eigenen Kraft freimütig abgegen. Sarkasmusund Zynismus usw. ablegen und auf das Klagen und Heulen und Weinen hören und dann sagen können: Steh auf und geh! Tod und Gott – dass passt nicht zusammen. Aber Gott und das Leben schon! Er hat alles geschaffen, und es soll Bestand haben. Was in der Welt geschaffen wird, soll heilsam sein. Wir sollten unseren Reichtum teilen: Talita kum, steh auf, iss und geh.

Christoph Kuchinke