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July

2020

Ökumenischer Spaziergang zum Lutherpark

Hier der Impuls von Gabriele Lipski für den Weg:

Jeremias

28

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June

2020

Predigt von Dorothea Höck über Matthäus 10, 37-42 am 27./28. Juni 2020

Wegen des schönen Wetters konnten wir die Messe in den Kreuzgarten verlegen.
Einführung

Der Anfang geht immer mit“, hat der hl. Augustinus einmal formuliert. Unseren Anfang im Glauben, unsere Taufe, deutet Paulus im Römerbrief als Taufe auf den Tod Christi – und als Auferstehung aus dem Tod, um als neue Menschen zu leben.

Der Anfang geht immer mit.“ Das möchte ich uns allen wün­schen. Der Anfang in unserer Taufe auf Tod und Auferstehung Christi möge uns heute die Kraft zum Leben geben: Ohne die ständige Angst zu kurz zu kommen. Ohne die Angst an den Rand gedrängt zu werden, die einknicken und Entscheidungen über Bord werfen lässt, die wir doch eigentlich für richtig halten. Ohne die Angst, etwas zu versäumen und nicht alles herausgeholt zu haben aus diesem kurzen Leben.

Hauptsache gesund? Das hören wir in diesen Tagen sehr oft. Aber es ist kein Satz aus der Bibel. Wie man das Leben gewinnt - und wie man es „verliert“, darüber spricht Jesus im Evangelium. Das ist sehr anspruchsvoll. Lassen wir uns von ihm ansprechen, der uns aus der Dunkelheit der Sünde ins Licht und zum Leben ruft.

Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom (Röm 6, 3–4.8–11).

Schwestern und Brüder! Wir, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, sind auf seinen Tod getauft worden. Wir wurden ja mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod, damit auch wir, so wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, in der Wirklichkeit des neuen Lebens wandeln.

Altarkreuz in Regler (Foto: Steffi Krause)

So begreift auch ihr euch als Menschen, die für die Sünde tot sind, aber für Gott leben in Christus Jesus.

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus (Mt 10, 37–42).

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Aposteln: Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert.

Wer das Leben findet, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.

Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat.

Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, wird den Lohn eines Propheten erhalten. Wer einen Gerechten aufnimmt, weil es ein Gerechter ist, wird den Lohn eines Gerechten erhalten. Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist – Amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.


Predigt über Matthäus10, 37-42 bei den Augustinern am 27./28. Juni 2020 in der Reglerkirche

In der „Kleinen Sakramentenlehre“ des brasilianischen Befreiungstheologen Leonardo Boff gibt es das „Sakrament des Wasserbechers“: An diese Geschichte erinnerte ich mich, als wir am Dienstag in unserem Bibelkreis lasen: „Und wer einem dieser Kleinen auch nur einen Becher kalten Wassers zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist, wahrlich, ich sage euch: Er wird nicht um seinen Lohn kommen.“ Ein Becher kalten Wassers ist nicht einfach nur Flüssigkeit. Am Mittelmeer muss es sorgfältig gekühlt sein oder aus einer Quelle kommen. Es ist die Labsal an sich, die viel Sorgfalt erfordert.

Leonardo Boff erzählt von einem Becher, der zur Familiengeschichte gehört, ein schon beschädigter Aluminiumbecher, aus dem alle elf Kinder ihren Durst löschten wie schon die Generationen davor. Er schreibt: Wer den Becher zum Munde führt, trinkt mehr, als nur Wasser. „Was man aufnimmt, ist vielmehr Frische, liebevolle Behaglichkeit, wohlwollendes Zutrauen.“ Nicht die Qualität des Wassers – das war zu Boffs Kindheit schmutziges Flusswasser mit viel Chlor – sondern die liebevolle Geste des angebotenen vollen Bechers macht das Außerordentliche aus.

Für Boff ist dieser Wasserbecher ein Sakrament. Er macht eine andere Wirklichkeit sichtbar, lebendig und erfahrbar. Der Wasserbecher muss von innen her gesehen werden – von außen ist er nur ein schäbiges Aluminiumgefäß. Boff schreibt: „Wer solche sakramentalen Dinge von innen her anschaut, entdeckt eine Spalte, durch die ein höheres Licht in sie hineinfällt. Das Licht beleuchtet die Dinge, macht sie transparent und durchsichtig.“1 Für den Glaubenden kann so ein Wasserbecher eine Tür zu Gott werden.

Auch in unserem Sonntagstext eröffnet die Geste des Wasserspendens eine Tür zum Reich Gottes. Wer einem Jünger Jesu, und ist er auch noch so gering und einflusslos, einen Becher kalten Wassers reicht, weist sich damit als Mitbürger des Gottesreiches aus.

Hier sind wir im Handumdrehen beim Kern: Unser Text erzählt von der Wegzehrung, die Jesus seinen Jüngern mitgibt, als er sie in die Welt schickt. Sie besteht aus Ermutigung und einer Lebensordnung. Aber Jesus schenkt den Seinigen auch klaren Wein ein, was sie in dieser Welt erwartet, wenn sie zu ihm halten: Vom Kreuz redet er zu ihnen, vom Verlust des Lebens, von der Nachrangigkeit der eigenen Familie. Vom Lohn der Propheten und der Gerechten: Das irdische Schicksal der Propheten ist furchteinflößend. Ob Johannes der Täufer, Ezechiel, Hosea oder Jona: keiner von ihnen hat sich um seinen Auftrag gerissen. Auch die Gerechten Gottes sind nicht um ihr Schicksal zu beneiden. Denken wir an den gottesfürchtigen Naboth, der ermordet wurde, weil er seinen Weinberg für unverkäuflich hielt, oder an den leidenden Gottesknecht bei Jesaja.

Jesus schickt die Seinen in eine Welt, die sie nicht freundlich aufnehmen wird. Mit seiner Botschaft werden sie zum Ärgernis werden, zum Skandalon: „Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert“, warnt er sie – (dieser Vers wurde in unserer Perikope ausgelassen). Wo sie auftauchen, wird es Streit geben. „Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich“, sagt Jesus an anderer Stelle (Mt 12,30).

Doch die Ausgesandten sind Bürgerinnen und Bürger einer anderen Welt, in der eine andere Ordnung gilt. Dort haben die das Sagen, die hierzulande die Geringsten sind. Die Sanftmütigen und Anwältinnen der Gerechtigkeit, die Friedensstifter und Wahrheitsliebenden erwerben die Bürgerwürde für das Gottesreich.

Bürgerwürde kommt eigentlich aus der Politik2 und bezeichnet eine besondere Tugend. Bürgerwürde besitzt, wer sich für das Gemeinwesen einsetzt und loyal gegenüber seiner Verfassung ist.

In unserem Predigttext sagt Jesus dreimal: wer das und das nicht tut, ist meiner nicht wert – oder würdig. Er spricht von der Reich-Gottes-Bürgerwürde. Diese Würde ist an ein Handeln gebunden. Sie wird denen verliehen, die Jesus nachfolgen. Sie kann nicht selbst erworben, aber aufs Spiel gesetzt werden.

Sie muss sich bewähren: „Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert.“ Würdig ist, wer Nachfolge so ernst nimmt, dass er bereit ist, einen Preis zu zahlen, wenn es darauf ankommt.

Würdig ist, wer Jesus, seiner Botschaft und seiner Ordnung gegenüber unbedingt loyal ist. Damit haben alle Christen und Christinnen, wenn man so will, eine "doppelte Staatsbürgerschaft": gegenüber der Ordnung Christi und gegenüber den Ordnungen, die hier auf Erden das Zusammenleben der Menschen ermöglichen. Daraus ergibt sich eine Verpflichtung zur Loyalität nach zwei Richtungen. Das kann zu Konflikten führen, zum Beispiel innerhalb der Familie. Diese Worte klingen in unseren Ohren fast anstößig:

„Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.“

Noch schärfer formuliert es Jesus in seiner Rede, die aus der Perikopenordnung ausgespart wurde: „Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.“

Vielen von uns kennen solche Zerreißproben unter vertrauten und einander ans Herz gewachsenen Menschen. Gerade in diesen Monaten machen viele damit schmerzhafte Erfahrungen. Risse tun sich auf, wenn plötzlich Überzeugungen und Haltungen gegeneinander stehen und Freundschaft, Vertrautheit und Verbundenheit bedrohen. Plötzlich muss ich entscheiden: Schweige ich um des lieben Friedens willen? Gebe ich klein bei? Oder setze ich die Freundschaft, das Band zum eigenen Kind, zur Schwester, zum Onkel aufs Spiel? Immer mal – zum Glück nicht alltäglich – geraten wir in Situationen, die kein „Sowohl als auch“ zulassen, sondern nur ein "Entweder – Oder" / "Ganz oder gar nicht". Zum Beispiel, wenn ich das eigene Gewissen verraten soll. Oder wenn ich merke: Wenn ich hier noch einen Schritt weitergehe, bin ich nicht mehr ich selbst.

Martin Luther geriet in einen solchen Konflikt, als er sich entschied, Augustinermönch zu werden. Er traf eine Entscheidung gegen seinen Vater, in dessen Augen gegen das 4. Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren! 16 Jahre später schreibt Luther von der Wartburg aus an seinen Vater:

Im Übrigen hat der, welcher mich herausgezogen hat, ein größeres Recht über mich als Du. Wie Du siehst, hat er mich …  zum wahren Gottesdienst bestellt. Denn wer könnte wohl daran zweifeln, dass ich im Dienste des Wortes stehe? Und das ist wahrlich ein Dienst, vor dem sich die Autorität der Eltern beugen muss. Christus sagt (Mt 10, 37): »Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, der ist mein nicht wert.« Nicht, dass durch dieses Wort die Autorität der Eltern entleert würde. … Aber wenn die Berufung und die Autorität der Eltern und die Christie inander widerstreiten, dann soll allein die Autorität Christi gelten.“3

Es wäre ein Missverständnis zu meinen, wir sollen Eltern, Geschwister, Kinder nicht lieben. Das wird hier gar nicht berührt. Die Familie als unverzichtbare und beschützenswerte Institution gehört in unsere Welt. Hannah Arendt schreibt: „Familien werden gegründet als Unterkünfte und feste Burgen in einer unwirtlichen, fremdartigen Welt, in die man Verwandt­schaft tragen möchte.“4

Aber wir können in Loyalitätskonflikte zwischen unseren zwei Bürgerschaften geraten, der in dieser Welt und der des Reiches Gottes. Dann müssen wir uns entscheiden.

Wer sich Jesu wert und würdig erweisen will, für den dürfen die Sicherheiten in der Welt nicht das allerhöchste und wichtigste sein.

Das ist leicht gesagt! Und schwer getan! Wir erleben gerade, wie sich Gewissheiten auflösen und Sicherheiten schwinden; wie die weiche Kuscheldecke, die uns das Leben in der westlichen Welt angenehm macht, Löcher bekommt, durchsichtig wird. Nach und nach sehen wir deutlicher, wer den Preis dafür zahlen muss, dass uns fast alles zur Verfügung steht, was wir begehren. „Du musst Dein Leben ändern“ hieß ein Buch, das vor einigen Jahren Bestseller eines Philosophen war. Ich vermute, wenn ihn ein Theologe geschrieben hätte, hätte er nicht so viel Furore gemacht. Ausgerechnet Sloterdijk macht deutlich, dass die christliche Religion ihren Kern verfehlt, wenn sie zum Wellnessprogramm wird.

So erhält der folgende Satz eine beunruhigende Aktualität: „Wer sein Leben findet, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird's finden.“

Wir sind noch mitten inder Debatte darüber, was in unserer Gesellschaft bei Entscheidungen derzeit ganz oben steht: Die Erhaltung der physischen Existenz? Die Sehnsucht des Menschen nach Beziehung? Das dringende Bedürfnis, einen Seelsorger /eine Seelsorgerin und andere Ratgebende zur Seite zu haben, wenn es um Leben oder Tod, oder auch sonst ums Eingemachte geht?

Vor zwei Monaten ging einAufschrei der Empörung durch das Land, als ein 78jähriger Politiker sagte: „Wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig.5 Wir ahnen mittlerweile, was uns diese Absolutsetzung des physischen Lebens kostet. An dieser Stelle dürfen wir nicht weg sehen.

In unserem Bibeltext steht für „Leben“ das griechische Wort „Psyche“: In der Sprache Jesu gehört Seele untrennbar zur Ruach, dem Atem Gottes, der den Erdkloß Adam zum Leben erweckte. Wer dem reinen Überleben im Diesseits alles unterordnet, verliert diesen Gottesbezug seiner Seele. Wer in seiner Seele die Tür zum Gottesreich offen lässt, ist bei Gott aufgehoben.

Unsere Bürgerschaft im Reich Gottes hat Auswirkungen auf unser ganzes Leben. Das ist eine ungeheure Zumutung, der wir allein nicht gewachsen sind.

Deshalb weist Jesus die Jünger an, sich gegenseitig und den Seinigen eine Heimstatt zu geben.

Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf,
und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. [...]
Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist – Amen, ich sage euch:
Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.“

Sollen wir also nur die Unsrigen freundlich aufnehmen? Da gibt es eine klare Ansage in Matthäus 25:

Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“

Jeder, der bei uns eine Heimstatt sucht, könnte ein Prophet sein, ein Gerechter, einer von diesen Kleinsten oder Jesus selbst. In der Gastfreundschaft erweist sich, ob wir Jesu würdig sind. Der Lohn ist die Würde, die uns zu Mitbürgerinnen und –bürgern des Gottesreiches macht.

Gastfreundschaft ist ein Sakrament, denn sie öffnet eine Tür zum Himmel. Ich wiederhole noch einmal Leonardo Boff: „Wer solche sakramentalen Dinge von innen her anschaut, entdeckt eine Spalte, durch die ein höheres Licht in sie hineinfällt. Das Licht beleuchtet die Dinge, macht sie transparent und durchsichtig.“

Lasst uns Gott bitten, dass wir bei aller Diesseitigkeit unseres Lebens und Strebens die Sehnsucht nach dieser Tür zur anderen Welt lebendig halten können. Amen.

1 Leonardo Boff: Kleine Sakramentenlehre, Patmos-Verlag Ostfildern 2010, S. 21; 24.

2 Wieder ins Leben geholt von Charles Taylor, https://www.iwm.at/closedbutacitve/weekly-focus/kommunitarismus/wieviel-gemeinschaft-braucht-die-demokratie-2/

3 Martin Luther: Brief an seinen Vater Hans Luther (21. November 1521). Martin Luther: Ges. Werke, S. 1627, (vgl. Luther-W Bd. 2, S. 327-328) Vandenhoeck und Ruprecht, http://www.digitale-bibliothek.de/band63.htm

4 Hannah Arendt, Ursula Ludz (Hg.) Denktagebuch,New York, München 2002, S. 16, 1950

5 https://www.sueddeutsche.de/politik/coronavirus-news-deutschland-1.4828033

Dorothea Höck

Jeremias

19

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June

2020

Leben der Augustiner in Erfurt - ein kleiner Einblick

Wir haben mit heißer Nadel ein kleines Video gestrickt. Es ist gedacht für ein Kinderprojekt des Bistums Erfurt, das es Kindern und Jugendlichen ermöglichen soll, einen kleinen Einblick in klösterliches Leben zu gewinnen. Anders als im Video gesagt ist es aber nicht so, dass wir diejenigen, die mit uns beten, nur als „Gäste“ betrachten. Es ist vielmehr so, dass wir im gemeinsamen Gebet erfahren, dass wir uns gegenseitig tragen. Also bitte nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen! Die mäßige Formulierung ist der Eile geschuldet und dem Versuch, nicht zu kompliziert zu sprechen...

Jeremias

13

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June

2020

Fronleichnam 2020: Predigt zu Joh 6,51-58

Fronleichnam: Hochfest des Leibes und Blutes Christi

Wie kann Jesus uns sein Fleisch zu essen geben?“ (Joh 6,52) Das große Angebot Gottes führt zu Missverständnis und Streit unter den Zeitgenossen Jesu. Aber auch seinen Jüngern kann ER es kaum verständlich machen. Hätten wir weitergelesen, über den eben gehörten Abschnitt hinaus, wüssten wir, dass Jesus bei weitem nicht bei allen seinen Jüngern Erfolg hatte. Im Gegenteil äußern sich etliche: „Was er sagt ist unerträglich. Wer kann das anhören?“(Joh 6,60) – Wäre es / ist es heute bei uns anders?!

Es ist also ein Geheimnis, das nicht so leicht zu verstehen ist; wie der gesamte Festinhalt "Fronleichnam“ es uns nicht gerade leicht macht. Jörg Splett hat einmal erklärt, dass die Vorsilbe „Ge“ im Deutschen auf ein Gesamt verweist, also etwa „Ge-birge“ als das Gesamt der Berge. So gesehen wäre ein „Ge-heim-nis“ nichts Fremdes, sondern im Gegenteil das Gesamt dessen, was mich heimisch sein lässt, wo ich daheim bin. – Behalten wir das im Herzen, wenn wir uns dem Wort Jesu nun weiter nähern.

Im Griechischen Urtext steht bei Johannes für „Fleisch“ das Wort „Sarx“. Es ist dasselbe Wort, das wir am Weihnachtstag im Prolog dieses Evangelisten hörten: Das WORT (logos) ist FLEISCH (sarx) geworden und hat unter uns gewohnt. Sarx meint mehr als den Leib allein (das wäre soma). Es ist eher die Leib-Geist-Seele-Ein­heit gemeint, die im Judentum nicht auseinander zu nehmen ist.

Dann aber bietet Jesus uns nichts weniger an, als ganz eins zu werden mit IHM und dem Vater: Unser GOTT und HERR will sozusagen unseren Leib (soma) beseelen und mit Hl. Geist durch­dringen. Das wäre wie eine Neuschöpfung, in der die Sünde als Abkehr von Gott, der die Liebe ist, schlechthin undenk­bar wäre.

Jetzt spüre ich ein Zittern. Das Angebot ist ein Fascinosum: reiz­voll und erstrebenswert, ohne Zweifel. Zugleich lässt es mich zit­tern, ist ein Tremendum, weil ich die Kontrolle über mich nur un­gern abgebe. Wo käme ich denn hin, wenn Gott mein Leben verändern und ganz bestimmen könnte? Will ich das wirklich?

Noch einmal bringt Jesus selbst es auf den Punkt: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm. Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich isst, durch mich leben“ (Joh 6,56f). Der lebendige Gott, der zugleich Vater für mich ist, will das Leben nicht für sich allein. Er will es mit mir teilen, mir mitteilen. – Noch einmal: Will ich das wirklich?

Johannes macht es uns selten leicht. Sein Evangelium hat eine theologische Dichte, die auf den ersten Blick vielleicht sogar ab­schreckt. Diese Dichte ist entstanden, weil die Gemeinde des Jo­hannes verfolgt wurde und nur mühsam ihren Platz behauptete. Da muss man in die Tiefe schürfen, um den Schatz des Glaubens zu bewahren und den Boden zu finden, der wirklich trägt.

Uns mag es relativ gut gehen, wenn uns nicht gerade eine tiefe Krise herausfordert. In jedem Fall aber ist das Johannes-Evangelium eine Einladung, ebenfalls tiefer zu schürfen. Die Mühe lohnt sich!

Auffällig ist, dass Johannes uns trotz seiner geistlichen Höhenflü­ge stets auf den Boden der Realität zurückbringt. Vor der Passion etwa überliefert er nicht die „Einsetzungsworte“ der Eucharistie, die Jesus beim Abendmahl benutzt hat. Johannes legt den Akzent auf die Wirkung, die dieses Gedächtnismahl bei den Jüngern ha­ben muss: Jesus wäscht allen die Füße, ER, der HERR, den Seinen. „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe“ (Joh 13,5). Die Wirkung des Abendmahles muss also sein, dass wir einander dienen – in völli­ger Aufhebung des Status-Gebarens „Wer hat hier das Sagen?“ HERR ist Christus, niemand sonst.

Auch an dieser Stelle geht es um die Wirkung: Christi Fleisch und Blut werden uns geschenkt, und wir erinnern uns daran in der Feier des Abendmahles bzw. der Eucharistie. Wir erinnern uns aber nicht nur, sondern sind eingeladen, wirklich Fleisch und Blut Christi zu essen und (abseits von Corona) auch zu trinken – damit wirklich geschehe, was der Priester bei der Wandlung sagt und dabei im Idealfall die konkret am Altar versammelte Gemeinde ansieht: „Das ist mein Leib, der für euch dahingegeben wird!

Das muss nun in der Tat tremendum fascinans und fascinosum tremens sein: Wollen wir das wirklich? Wenn wir die Kommunion empfangen, willigen wir ein: Ja, DU HERR, sollst mein Leben bestimmen, mir den neuen Lebensatem einhauchen – wie du mich schon in der Taufe zur neuen Schöpfung gemacht hast.

Dieses JA können wir eigentlich nur in der Gemeinschaft der Gläubigen sagen, wissend, dass wir hinfällig sind und trotz noch so guter Vorsätze und Schwüre doch wieder fallen werden und dem Anspruch unseres Christseins nur halb genügen.

Doch stets bekommen wir von Neuem die Zusage geschenkt: „Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich isst, durch mich leben“ (Joh 6,57). Der lebendige Vater gibt durch den Sohn SEIN Leben an uns weiter. Wir werden als Gemeinschaft derer, die sich um den Altar versammeln, zum lebendigen Leib Christi. Damit neh­men wir, trotz der Fehler und bleibenden Makel, zugleich den Auf­trag an, allen Menschen dieser Erde zu dienen; denn auch Christus wurde zum Diener aller. Konfessionsgrenzen spielen un­ter Getauften dann schon heute keine Rolle mehr, wenn wir uns bewusst sind, worauf Kommunion wirk-lich abzielt!

Vor Jahrzehnten verfasste LotharZenetti (+ 2019) folgende Zeilen:

„Inkonsequent“

Frag hundert Katholiken, was das Wichtigste ist in der Kirche.
Sie werden antworten: Die Messe.

Frag hundert Katholiken, was das Wichtigste ist in der Messe.
Sie werden antworten: Die Wandlung.

Sag hundert Katholiken, dass das Wichtigste in der Kirche die Wandlung ist. Sie werden empört sein:
Nein, alles soll bleiben wie es ist.“

Jeremias

6

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June

2020

Dreifaltigkeitssonntag 2020 in der Reglerkirche zu Erfurt

Augustinus spricht mit dem Knaben, der das Meer auslöffeln will, am Strand von Hippo Regius (Legende siehe unten; Fresko in der Klosterkirche St. Michael in Münnerstadt/Bayern) 

Einleitung

+ Die Gnade unseres HERRN Jesus Christus, die Liebe Gottes, des Vaters und die Gemeinschaft des Hl. Geistes sei mit euch!

Immer beginnen wir den Gottesdienst, indem wir uns mit dem Kreuz bezeichnen. Wir stellen uns in die Gegenwart des dreifaltigen Gottes. Gott ist für uns ein undurchdring­bares Geheimnis – und Gott ist uns zugleich unfassbar nahe als Vater, als unser Bruder, als Geist, der uns leben lässt. Dieses Geheimnis feiern wir jetzt: unfassbar und doch so nahe ist uns Gott, wenn wir die Gegenwart Christi hier in unserer Mitte in seinem Wort und in Brot und Wein feiern. - Lassenwir uns von seiner unfassbaren Gegenwart erfüllen!

Predigt

Die meisten von Ihnen kennen sicher die Legende, die vom Kir­chenlehrer (meinem Ordensvater) Augustinus erzählt. Er hat un­ter anderem ein dickes Werk über die Dreifaltigkeit (De Trinita­te) verfasst. Über dieses komplexe Thema sinnierend sei er spa­zieren gegangen am Strand seiner Bischofsstadt Hippo Regius, dem heutigen Annaba in Algerien.

Da sieht er an der Wasserlinie einen kleinen Jungen sitzen. Der hat einen Löffel in der Hand, mit dem er Wasser aus dem Meer in eine kleine Kuhle im Sand löffelt. „Was tust du denn da?“, fragt Augustinus das Kind. – „Ich löffle das Meer in die Grube!“, strahlt ihn der Kleine an. – „Oje, das wirst du niemals schaffen!“, schüttelt der Bischof den Kopf. „Stimmt!“, antwort­et schlag­fertig der Knabe. „Genauso wenig wie du das Geheim­nis der Drei­faltigkeit je wirst ergründen können.“

Natürlich hat Augustinus es trotzdem versucht. Sein Buch wurde sogar fertig: nach 17, vielleicht auch erst nach 28 Jahren. Es ent­hält, was man wohl von einem Kirchenlehrer erwarten darf: eine breite, biblisch fundierte Darlegung, warum Gott drei Personen, aber dennoch Einer sei. Der alte Vorwurf der Muslime, Christen verehrten letztlich drei Götter, verfängt nicht. Dass die Dreieinig­keit leicht zu den­ken geht, kann niemand behaupten. So oder so bleibt Gott das große Geheimnis, das unser kleiner Verstand nie fassen kann – wie die Kuhle im Strand das Meer nie fassen wird.

Also: Mit Wissen und Definitionen kommen wir Gott nicht bei. Nein, es nützt nichts, auch wenn einer meinte, die Weis­heit mit Löffeln gefressen zu haben, so wird doch sein Löffel zu klein sein. Es braucht einen weiteren Ansatz der Annäherung an das Ge­heimnis, indem Beziehung und Wirkung in Betracht kommen.

Im jüngsten Gemeindebrief der Ev. Reglergemeinde durfte ich ei­nen Artikel zum Fest Trinitatis beitragen. Ich berichte von drei gotischen Schlusssteinen bzw. einem berühmten Fenster im Dom­kreuzgang zu Paderborn. Ein alter Kinderreim beschreibt das dortige „Hasenfenster“: „Drei Hasen und der Löffel drei und doch hat jeder Hase zwei!“ In der Mitte bilden die Oh­ren ein gleichsei­tiges Dreieck – wie die Hasen selber ein Sinn­bild des dreifaltigen Gottes. Umgeben sind die Tiere von einem Kreis, dem Symbol der Ewigkeit.

Das berühmte Hasenfenster von Paderborn: Sinnbild des dreifaltig-einen Gottes.

Die drei Hasen treiben mitein­ander ein lustiges Spiel und sprin­gen einen fröhlichen Tanz. Schon in der Antike und bei den Kir­chenvätern sind die Häschen Sinnbild von Lebendigkeit und Fruchtbarkeit, von Wachsamkeit - ein Hase hat keine Augenlider, schläft also mit offenen, "wachen" Augen - von Schöpfung und Verwandlung. Jedes Häschen ist Individuum und hat doch teil am anderen, lebendig und voll­kommen sind sie vor allem als Gemeinschaftswesen. So ist es mit dem dreifaltigen Gott und so ist es mit den Menschen. Hoffentl­ich spüren wir immer wieder, dass diese Verbindung mit Gott uns Freude und Dyna­mik bringt, Wachsamkeit, Lebendigkeit und (geistliche) Frucht­barkeit. – Die Beschreibung der anderenSchlusssteine können Sie ja ge­legentlich selber im Gemeindebrief nachlesen.

Der Begriff „Dynamik“, der einem unwillkürlich beim Betrachten der Bilder in den Sinn kommt, führt uns zu einem Schlüsselbegr­iff der griechischen Bibel. „Dynamis“ beschreibt die Kraft Gottes, den Heiligen Geist, in dem Jesus handelt und seine Botschaft verkündet. Diese dynamis sendet er über die Seinen, also über alle, die an ihn glauben – die sich in der Liebe Gottes geborgen wissen. Sie ist die Kraft des Heiligen Geistes, der die Gemeinde in Bewegung setzt und bei uns bleibt bis ans Ende der Tage (vgl. Mt 28, 20). Dieser Heilige „Dynamik-Geist“ gestaltet unser Leben aus der Liebe Gottes heraus. Er ist gestalterischer, bewegender Geist (hebr.: „Ruach HaKodesch“): „Ihr werdet die Kraft (dyna­mis) des Hl. Geistes empfangen, der auf euch herabkom­men wird; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde“ (Apg 1,18).

Ganz in dieser liebevollen, überfließenden Dynamik des Göttli­chen erkannte offenbar Jesus von Nazareth seine Mission. Das Evangelium des heutigen Tages hat uns in das 3. Kapitel des Jo­hannes-Evangeliums geführt. Schon so früh sucht Nikodemus, Mitglied des Hohen­rates, nachts das Gespräch mit dem Rabbi aus Galiläa. Doch statt eine klare Definition seiner Botschaft und seines Gottesbildes zu geben, formuliert Jesus ein „Glaubensbe­kenntnis“: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen ein­zigen Sohn dahingab, damit jeder, der an ihn glaubt, ... ewiges Leben hat.“ (Joh 3,16)

Gott ist die Liebe“, wird der Evangelist Johannes ständig wieder­holen. Liebe ist Gottes Antrieb, seine Dynamis, sein ganzes We­sen. Dadurch aber definiert sich Glaube neu. Glaube ist ein sich Einlassen auf Gottes Liebe, ein Annehmen dieser Liebe, ist be­wusst aus dieser Liebe leben dürfen. Hier wird deutlich, dass Glaube nicht nur ein „für wahr Halten“ ist. Im Glauben wird viel­mehr eine Dynamik frei gesetzt, die eine Beziehung nährt und aus ihr heraus zur Tat wird. Einfacher gesagt: Wer sich von Gott geliebt weiß, der/die will diese Liebe beantworten: Er/Sie wird Gott lie­ben und durch Gott auch den Nächsten. Liebe bleibt nicht nur ein angenehmes Gefühl; sie wird vielmehr zur konkreten Tat.

Weraber ist dieser Gott? Kann man sich denn überhaupt auf IHN einlassen – falls es IHN denn gibt? – Es ist hier wie in jeder Bezie­hung, die wir Menschen leben. Ich kann jemand nicht kennen lernen, wenn ich mich nicht auf eine Beziehung zu ihm oder zu ihr einlasse. Ich kann nicht alles theoretisch klären und erst dann in Beziehung treten, wenn alles klar ist. So funktioniert das nicht. Es braucht den Sprung ins Ungewisse. In der Distanz kann sich nichts klären, nur im Kontakt mit dem anderen. Das setzt dann die Dynamik in Gang, die spielerisch und spannend ist und den Reiz von Bezie­hun­gen überhaupt erst ausmacht.

Das gilt auch in unserer Beziehung zu Gott. Zu glauben ist ein Wagnis. Es lohnt sich aber, wie sich jede Beziehung, die wir auf­bauen, grundsätzlich lohnt, weil wir sonst immer allein blei­ben würden. Nichtglauben können ist für viele Men­schen ein nicht in Beziehung gehen wollen zu diesem unbekannten Gott, auf den man dann schlechterdings sogar Misstrauen projiziert. Dabei gibt ER alles! ER nimmt uns nichts (vgl. Benedikt XVI)!

Gott ist die Liebe. Man spürt die Liebe erst, wenn man sich ihr öffnet. Man kann auch Gott erst spüren, wenn man sich IHM öff­net: Seiner Dynamis!

Augustinus hat mit dem kleinen Löffel Verstand vom Geheim­nis des Dreifaltigen Gottes geschöpft. Mit zunehmender Be­schäf­tigung hatte er sozusagen spielerisch seine „helle Freude“, die Drei­er-Dynamik auch in unserem Alltag zu entdecken. Ein paar Beispiele - nicht nur von Augustinus, und gerne auch zum weiter denken: Der Dreibein wa­ckelt nicht und die „dreifache Schnur“ hält besonders gut (vgl. Kohelet 4,12). Die Beziehung von Mann und Frau weitet sich und bekommt eine neue Tiefe durch ein Kind. Das ICH wird am DU (Martin Buber) und findet seinen Sinn im WIR. Die Liebe zu Gott finde ich in der Liebe zum Nächsten – und auch andersherum! Leben ereignet sich in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – immer mit dem Bezugspunkt zu Gott und dem Nächsten bzw. der Gemeinschaft der ganzen Mensch­heit. Dieses aufeinander Bezogen­sein führt nicht weg vom ICH. Ganz im Gegenteil: Es führt mich in die eigene Tiefe, ohne mich abzuschotten.

Der dreifaltig-eine Gott ist Dynamik, ist Beziehung in sich, ist Lie­be, die sich verströmt für uns: Wir bekommen Anteil an dieser göttlichen Dynamik: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn dahingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.“ (Joh 3,16) Amen.

Jeremias