„Was ist schön ohne Freunde?“

12.11.2019

Vortrag zum 1665. Geburtstag des hl. Kirchenlehrers und Ordensvaters Augustinus (354–430)

Referent: Bruder Dr. Christian Rentsch OSA (München | Maria Eich)

Augustinus war nicht nur ein brillanter Theologe und Bischof. Die eigene Sinnsuche prägte seine Spiritualität nachhaltig. Immer in engem Austausch mit anderen war ihm klar, dass er nicht zum Eremiten taugte. Vielmehr sah er in der Freundschaft die Möglichkeit einer Weggemeinschaft, in der die Sehnsucht nach Gott und mehr Tiefe im Leben am besten aufgehoben ist.  

Br. Christians Textsammlung während seines Vortrags: Augustinus zum Thema Freundschaft

Text 1: Bekenntnisse 2,7

Hals über Kopf ging ich in großer Blindheit so weit, dass ich mich vor meinen Altersgenossen schämte, wenn ich minder schändlich gelebt hatte als sie, weil ich sie mit ihren Vergehen prahlen und umso mehr Rühmens davon machen hörte, je schändlicher sie waren: So verführte mich nicht nur die Lust an der Tat, sondern auch die Lust, gelobt zu werden. … Wo ich es den Verworfenen nicht gleichtun konnte, gab ich vor, die Untat begangen zu haben, damit ich nicht desto verächtlicher erschiene, je unschuldiger ich war, und um nicht für desto geringer zu gelten, je reiner ich war.

Text 2: Bekenntnisse 2,16

Nun freilich: Allein hätte ich’s nicht getan … nein, ich hätte es allein gewiss nicht getan. Also liebte ich damals auch das Zusammengehen mit Schuldgenossen meiner Tat … Denn hätte ich damals die Früchte geliebt, die ich stahl, … so hätte ich, wäre das alles gewesen, die Sünde doch für mich allein begehen können, um meine Gelüste zu stillen, und hätte meine kitzelnde Begierde nicht erst im Anreiben an mitschuldigen Gewissen zu entflammen brauchen … Allein hätte ich diesen Diebstahl nicht begangen, bei dem mich nicht die Beute, nur das Stehlen lockte, und für mich allein zu stehlen, das hätte mich nicht im mindesten gelockt, und ich hätte es nicht getan. O Freundschaft, so feindlich!

Text 3: Bekenntnisse 2,2

Und was anderes war es denn, was mich erfreute, als zu lieben und geliebt zu werden?

Text 4: Predigt 87,12

Viel vermögen sowohl gute Freunde zum Guten als auch schlechte Freunde zum Schlechten!

Text 5: Bekenntnisse 4,11

Elend war ich und elend ist jedes Herz, das gefesselt ist durch die Freundschaft mit Vergänglichem. Von Schmerz wird es zerrissen bei seinem Verluste und fühlt dann das Elend erst, in dem es doch schon schmachtete, bevor es den Verlust erlitt … Der tiefste Ekel vor dem Leben und Todesfurcht wohnten nebeneinander in meiner Seele. Ich glaube, je mehr ich den Freund liebte, desto mehr hasste und fürchtete ich den Tod, der ihn mir entrissen hatte, als meinen bittersten Feind.

Text 6: Bekenntnisse 4,13

Hatte mich jener Schmerz nicht deshalb so leicht und so bis ins Innerste durchdrungen, weil ich meine Seele gegründet hatte auf Sand, da ich einen Sterblichen liebte, als würde er niemals sterben?

Text 7: Bekenntnisse 4,13

Am meisten tröstete und ermunterte mich der Trost meiner Freunde, mit denen ich liebte, was ich statt deiner liebte: der Manichäer große Fabel und lange Lüge nämlich … Andere Dinge aber waren es, die an den Freunden den Geist stärker anzogen: miteinander plaudern und miteinander lachen, sich einander gefällig erzeigen, gemeinsam schöne Bücher lesen, gemeinsam scherzen und sich Artigkeiten sagen, bisweilen Meinungsverschiedenheiten austragen ohne Hass, wie der Mensch wohl selbst mit sich selbst einmal uneins ist, und so durch diese seltene Uneinigkeit die sonst herrschende Eintracht würzen; einander belehren und voneinander lernen, die Abwesenden schmerzlich vermissen, die Kommenden herzlich begrüßen; durch solche und ähnliche Zeichen, die bei Liebe und Gegenliebe sich äußern in Miene und Wort, im Auge und in tausend freundlich lieben Gebärden, wie durch immer neuen Zunder die Herzen in warme Bewegung setzen und aus vielen Eines machen.

Text 8: Über 83 verschiedene Fragen 81,6

Von dem können wir sagen, dass er in die Freundschaft aufgenommen ist, dem gegenüber wir alle unsere Gedanken auszuschütten wagen.

Text 9: Brief 143,3

Mir gefällt es nicht, wenn ich von meinen vertrautesten Freunden für etwas gehalten werde, was ich nicht bin.

Text 10: Brief 93,4

Nicht jeder, der schont, ist ein Freund, nicht jeder, der tadelt, ein Feind. Besser sind die Wunden eines Freundes als die vorsätzlichen Küsse eines Feindes. Es ist besser, mit Strenge zu lieben, als mit Nachgiebigkeit zu täuschen.

Text 11: Bekenntnisse 9,6

Nun lebt er in Abrahams Schoß. Was es auch ist, was mit diesem Schoße gemeint ist, dort lebt Nebridius, mein teurer Freund, den du, Herr, als Freigelassener zu deinem geistlichen Kinde angenommen hast; ja dort lebt er. Denn welchen andern Ort gäbe es für solch eine Seele? Dort lebt er, worüber er mich armen, unwissenden Menschen viel fragte. Er neigt nicht mehr sein Ohr zu meinem Munde, sondern den Mund seines Geistes an deine Quelle und trinkt in durstendem Verlangen Weisheit, selig ohne Ende. Doch glaube ich nicht, dass er so sehr davon trunken werde, dass er meiner vergessen könnte, da auch du, Herr, der du sein Trank bist, meiner gedenkest.

Text 12: Auslegungen zum 1. Johannesbrief 9,10

Soll das etwa heißen: Wer seinen Bruder liebt, der liebt auch Gott? Ja! Notwendigerweise liebt er Gott, notwendigerweise liebt er die Liebe … Wie also? Wer die Liebe liebt, liebt darum Gott? Ja, genau darum! In der Liebe zur Liebe liebt der Mensch Gott. Oder hast du vergessen, was du gerade noch bekannt hast: ‚Gott ist die Liebe‘? Wenn Gott die Liebe ist, dann liebt jeder, der die Liebe liebt, Gott. Liebe also deinen Bruder, dann sei unbesorgt. Du kannst nicht sagen: Ich liebe meinen Bruder, aber Gott liebe ich nicht … Es liebt jeder notwendigerweise Gott, der seinen Bruder liebt.

Text 13: Auslegungen zum 1. Johannesbrief 5,7

Wo ist der Ort, uns [in die Gottesliebe] einzuüben? Die Bruderliebe ist es! Du kannst mir sagen: Ich habe Gott nicht gesehen. Kannst Du mir sagen: Ich habe den Menschen nicht gesehen? Liebe deinen Bruder! Denn wenn du den Bruder, den du siehst, liebhast, dann wirst du zugleich Gott sehen; denn du wirst die Liebe selbst sehen, und in ihr wohnt Gott.

Text 14: Brief 73,10

Ich bekenne es: In die Liebe meiner vertrautesten Freunde lasse ich mich mit meinem ganzen Ich fallen, vor allem, wenn ich von den Widerwärtigkeiten dieser Welt erschöpft bin, und in dieser Liebe ruhe ich sorglos. Ich fühle ja, dass da Gott wohnt, und in ihn lasse ich mich sicher fallen und in ihm bin ich in sorgloser Ruhe. Und in dieser Ruhe fürchte ich auch überhaupt nicht die Unsicherheit des Morgen in seiner menschlichen Hinfälligkeit. Wenn ich nämlich einem Menschen, der in der christlichen Nächstenliebe brennt und von dem ich spüre, dass er ein treuer Freund geworden ist, etwas von meinen Plänen oder Gedanken anvertraue, dann vertraue ich es letztlich gar nicht diesem Menschen an, sondern dem, in dem dieser Mensch seine Bleibe hat und weshalb er so ist, wie er ist: Gott. Denn Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott.