Reformationstag 2023

31.10.2023

Mit Pastorin Dorothea Höck. Weitere Impulse: Uta Altmann, Stefan Kratsch, Steffi Krause, Ingrid Schröter, Dr. Fabian Sieber

Eröffnung: Dorothea Höck

Was hat es mit dem Reformationstag auf sich? Am 31. Oktober 1517 soll Martin Luther einen entschiedenen theologischen Traktat in Gestalt von 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche gehämmert haben. Ob es genauso geschah, ist nicht erwiesen. Die Thesen aber gibt es und mir gefällt die Idee, wichtige Einsichten, die alle betreffen, nicht für sich zu behalten, sondern öffentlich zur Diskussion zu stellen. Luther lud damals zur Disputation ein. Die Thesen gegen den Ablasshandel sind eine Absage an jegliches Leistungsdenken: Mensch, Du kannst Dich nicht selbst erlösen!

Über die Jahrhunderte diente der Reformationstag den Lutherischen vor allemdazu, sich selbst zu feiern. Die Feiern veranschaulichten, wie der jeweilige Zeitgeist den Protestantismus prägte. Das war auch zum Reformationsjubiläum 2017 nicht anders.

Dietrich Bonhoeffer schrieb am Reformationstag 1932, drei Monate, bevor die Deutschen Adolf Hitler zu ihrem Reichskanzler machten:

Wir haben keine Zeit mehr zu feierlichen Kirchenfesten, in denen wir uns vor uns selbst darstellen, wir wollen nicht mehr so Reformation feiern! Laßt dem toten Luther endlich seine Ruhe und hört das Evangelium, lest seine Bibel, hört hier das Wort Got­tes selbst. Gott wird uns am jüngsten Tage gewiss nicht fragen: habt ihr repräsentati­ve Reformationsfeste gefeiert? Sondern: habt ihr mein Wort gehört und bewahrt?“

In unserer ökumenischen Vorbereitungsgruppe haben wir uns Gedanken darüber gemacht, was passt in diesen Wochen, wo uns angesichts der Krisen und Katastrophen manchmal blankes Entsetzen befällt. Dürfen wir die Reformationshymne singen – „Ein feste Burg ist unser Gott“ – mit ihrer in mehrfachem Sinne gewaltigen Sprache? Wir werden es tun, denn sie gründet im biblischen Spruch des Tages aus dem 1. Korintherbrief:

Das Fundament ist bereits gelegt, und niemand kann je ein anderes legen. Dieses Fundament ist Jesus Christus.

Was das bedeuten könnte, dazu haben sich fünf Menschen Gedanken gemacht, ganz Unterschiedliches ist daraus entstanden. An verschiedenen Stellen im Gottesdienst wird es also einen Impuls geben – statt einer langen Predigt am Stück.

Nach dem Gottesdienst laden wir alle herzlich ein, zu einem Nachgespräch zu bleiben. Bonhoeffer sagte einmal, dass so ein Nachgespräch unverzichtbar ist, damit die Gemeinde sagen kann, ob Gottes Wort in diesem Gottesdienst hörbar war. Darum also soll es gehen!

Nun lasst uns diesen Gottesdienst beginnen + im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Zum Tagesspruch: Steffi Krause

"Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus." (1 Kor 3,1)

So steht es bei uns Evangelischen jedes Jahr als Tagesspruch über dem Reformationstag.

Das Fundament meines Glaubens: Jesus Christus.

Martin Luther war auf der Suche nach dem Fundament und dem Sinn des Lebens. Er stellte lebenswichtige Fragen, die unabhängig waren von Zeit und Ort und bis heute wichtige Fragen sind. Im 1. Brief an die Korinther, in dem unser Tagesspruch steht, schreibt Paulus über Gemeindeaufbau. Es gibt Streit in der Gemeinde der Korinther. Streit, wessen Lehre sie folgen sollen: Paulus? Oder Apollos?

Heute fragen wir: Evangelisch oder Katholisch? Traditionell oder neu-denkend? Wer vertritt den christlichen Glauben richtig?

Und ich frage an dieser Stelle: Wie können wir hier in der Brunnenkirche gute Gemeinde bauen?

Gemeinden sind wie Häuser. Das Fundament ist gelegt. Nun braucht es jede Hand beim Hausbau. Jeder nach seinen Gaben: Chor singen und Orgel spielen. Kuchen backen und Geschichten erzählen. Um Blumen kümmern und Abwaschen. Eine Hand halten und Sehnsucht wecken. Glauben stärken und Tränen trocknen. Zuhören. - Alles ist nötig. Jeder wird gebraucht. Gemeinsam kann es gelingen, Hand in Hand, mit Herz und Verstand. Sind wir hier ein gutes Team? Ich denke, oft sind wir es, aber nicht immer. Da gibt es schon auch Konkurrenz im Haus: Wer ist hier die tragende Säule? Welche Akzente setzen wir? Wessen Pläne werden umgesetzt? Manchmal scheiden sich auch die Geschmäcker und manchmal widersprechen sich die Kompetenzen. Dann streiten wir. Das Bauprojekt scheint gefährdet zu sein.

Verlieren wir nicht ab und zu den Blick fürs Ganze? Ist dann nicht die Frage wichtig: Warum und wofür bauen wir? Für Brot und Geld? Für’s eigene Ego? Oder für eine Sehnsucht, einen Traum…

Bauen wir an unserem Haus, an unserer Gemeinde nach bestem Wissen und Gewissen! Mit unserer kleinen Kraft und großen Sehnsucht! Vieles kann gelingen, einiges bleibt vielleicht auf ewig eine Baustelle und vielleicht scheitern wir auch das ein oder andere Mal. Aber immer wieder können wir neu beginnen.

Und Reformen? Wir laufen schnell Gefahr, nur unsere eigene Sicht, unseren eigenen Willen durchsetzen zu wollen. Reformation macht nur Sinn, wenn sie als Fundament Christus hat.

In diesem Gedanken lasst uns hier in der Brunnenkirche um Christus versammelt sein, egal, ob evangelisch oder katholisch, egal ob Haupt- oder Ehremamtlicher, egal ob jemand viel oder wenig einbringt. Denn wir haben einen Grund, der uns alle trägt, unerschütterlich und ewig, „der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus“.

Röm 3,21-28: Rechtfertigung allein aus Glauben

Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied: Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist. Den hat Gott für den Glauben hingestellt zur Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden in der Zeit der Geduld Gottes, um nun, in dieser Zeit, seine Gerechtigkeit zu erweisen, auf dass er allein gerecht sei und gerecht mache den, der da ist aus dem Glauben an Jesus. Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens. So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

Stefan Kratsch: Vom Priestertum aller Gläubigen – Fragen eines einfältigen Gläubigen beschienen vom Licht der Reformation 

Da ist eine große Gleichheit unter dem Christenvolk, sagt der Apostel Paulus: Sünder sind wir allesamt. Und nochmals sind wir gleich: Erlöste sind wir aus der Liebe und Gnade Gottes im Glauben (Röm 3,21-28). Warum sind dann manche in der Kirche immer noch gleicher?

Als Jesus umherzog und die Seinen sammelte, wo waren Schriftgelehrte und Priester? Und warum stellen sie sich heute so oft in den Mittelpunkt?

Luther schreibt: „Alle Christen sind wahrhaft gleichen Standes, und ist unter ihnen kein Unterschied dann des Amts halber allein… Was aus der Taufe gekrochen ist, das mag sich rühmen, dass es schon Priester, Bischof und Papst geweiht sei“. Nur: Warum stehen dann welche auf der Kanzel und belehren uns? Wo bleiben unsere Erfahrung, unser Gotteswissen, unser Gottesglaube?

Und sagt Luther nicht auch: Bileams Esel sei klüger gewesen als Bileam? Weshalb ist dann ihre Belehrung hörenswerter als das Gestammel meines einfältigen Nachbarn oder eine prophetische Rede? Und weshalb wettert Doktor Luther gegen die Schwärmer und spricht ihnen das Priestertum ab? 

Muss ich etwas Besonderes sein, um im Amt zu sein? Und was wäre dieses Besondere? Und wenn ich eines Amtes bin, bin ich dann noch gleich wie die anderen oder etwas anderes?  

Als Jesus das letzte Mahl reichte, da saßen sie beisammen und um Jesus herum. Warum werden wir am Tisch priesterlich vertreten? Was ist mein Mangel, dass es des Vermittlers bedarf? Kann es nicht so sein: Wir sind beisammen. Da wäre ein leerer Platz für den, der kommen wird und der unsere Mitte ist. Wir reichen einander Wein und Brot weiter, wie es die Seinen taten? Und blickten zu diesem leeren Platz hin und hoffen?

Wer gehört zu uns? Wer gehört zu allen Gläubigen? Sind es jene, die das Glaubensbekenntnis richtig sprechen können, das Vaterunser? Sind es nur jene, die getauft sind oder auch die Ungetauften oder jene, die nicht zu uns gehören wollen, aus Gram oder Enttäuschung oder Stolz? 

Was ist denn dieses Priestertum aller Glaubenden? Vielleicht ein Wettstreit vom heiteren Gemüt und um die größte Demut. Allesamt Sünder, allesamt geliebt. 

Ich frage ja nur.

Zum Evangelium:

Lukas 13, 18-21: Vom Senfkornund vom Sauerteig

Da sprach er: Wem gleicht das Reich Gottes, und womit soll ich’s vergleichen? Es gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und warf’s in seinen Garten; und es wuchs und wurde ein Baum, und die Vögel des Himmels wohnten in seinen Zweigen. Und wiederum sprach er: Womit soll ich das Reich Gottes vergleichen? Es gleicht einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Scheffel Mehl mengte, bis es ganz durchsäuert war.

Ingrid Schröter

Mit dem Gleichnis will Jesus den Jüngern und auch uns Menschen das Himmelreich erklären und nahe bringen. Das Senfkorn und der Sauerteig stehen hier symbolisch für die Erde und den Himmel. Beide sind untrennbar miteinander verbunden. 

Alles beginnt damit, dass ein Anfang gemacht wird von uns Menschen. Wir bringen das Senfkorn in die Erde, der Sauerteig muss mit Hefe angesetzt werden.

Aber dann ist es Gottes Aufgabe für die Bedingungen des Wachsens und Werdens zu sorgen. Dazu gehört Sonne, Regen, Wind, der Tag und die Nacht.

Für den Sauerteig brauchen wir auch die richtige Temperatur und Ruhe.... eben richtig gute Wachstums- und Werdebedingungen.

Aber dass aus Senfkörnern Bäume und aus Sauerteig Brote werden gehört vor allem: FRIEDEN!!!

Wir erleben aber gerade, menschengemachte bittere Kriege in der Ukraine und in Israel. Aber wo Krieg ist... kann nichts ausgesät werden, nichts wachsen. Wo Waffen sprechen, kann nichts gedeihen - und man hört Gottes Stimme nicht mehr!!! Im Krieg verlieren ALLE!

Das wusste auch Martin Luther, als er den Choral „Ein Feste Burg ist unser Gott“ schrieb. Friede kann erst werden, wenn die Waffen schweigen, dann hört man auch die Stimme wieder und kann nach einer Lösung suchen. „Seid still... und hört... und erkennt Gottes Stimme!“ Nur bei ihm finden wir Halt und Antworten.

Auch wir denken, daß es richtig ist, sich gegen brutale Angreifer und Mörder zu wehren. Dennoch müssen wir Christen unermüdlich an die Kraft des Wortes erinnern. 

Wir dürfen den Glauben daran nicht verlieren, dass manchmal kleine Taten helfen, die Felder wieder zu befrieden. Das Feld muss er behalten, heißt es in der 2.Strophe, damit wieder Senfkörner ausgesät werden können und der Sauerteig in Ruhe reifen kann.

Das Wenige, das wir, das du tun kannst, ist oft schon sehr viel. Gott gibt uns das GELINGEN dazu.

Dr. Fabian Sieber

Wir haben die Lesung gehört, in der uns die Gnade zugesprochen wird. Wir haben das Evangelium gehört, in dem uns die Durchsäuerung verheißen wird. Und in Psalm und Lied haben wir darauf geantwortet. Damit haben wir unsere Zuversicht ausgedrückt, dass dem wirklich so ist und dass wir auf Gott vertrauen.

Viele Worte. Schöne Worte. Starke Worte. Worte, die dem Reformationstag angemessen sind, weil sie nicht ausgedacht sind. Es sind Worte, die weniger gesucht, als gefunden wurden: in der Heiligen Schrift. Allein schon, indem wir all diese Worte gehört haben, bezeugen wir, dass heute wirklich Reformationstag ist, denn wie könnte der reformatorische Kernsatz des sola scriptura besser auf den Punkt gebracht werden, als durch einen solchen Wortgottesdienst. Trotzdem sind das viele Worte.

Dabei erschöpft sich christliche Existenz weder im Hören, noch im Ja und Amen sagen. Und eigentlich braucht christlicher Glaube nicht viele Worte, sondern stützt sich auf das eine Wort, den Logos Gottes. Damit ist das Fundament gelegt. Und niemand kann je ein anderes legen. Egal wie viele Worte er oder sie macht.

Johannes sagt:  Dieses Wort ist Fleisch geworden und wir haben seine Herrlichkeit gesehen (Joh 1,14). Paulus sagt: der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig. (2 Kor 3,6) Vom Hören sprechen beide nicht. Ihr Modus christlicher Existenz ist offensichtlich ein anderer. Sie sehen. Schweigen. Vielleicht staunen sie auch. Mit Sicherheit aber versuchen sie das, was sie erfahren und erlebt haben, mit Leben zu füllen.

Nach dem Abendmahl: Uta Altmann
Zukunft der christlichen Kirchen

„Ich bin der Weg“ - sagst Du, Christus.

Warum trauen wir uns dann so wenig, neue Wege zu gehen?
Warum stehen wir oft so sprachlos vor verschlossenen Türen,
die längst geöffnet werden müssten?

Du gehst mit, auch in unsere Irrtümer hinein.
Deine Taktik ist unendliches Vertrauen.

„Ich bin die Wahrheit“ - sagst Du, Christus.

Nicht das Amt, nicht die Strukturen, nicht wir,
die wir das Buch der Wahrheit noch nicht zu Ende gelesen haben.

Warum misstrauen wir dem, der als Einziger sagen darf:
Ich weiß um alle Lügen und kenne die ganze Wahrheit.

Du bietest uns das Sehen im Licht und im Geist doch an.

„Ich bin das Leben“ – sagst Du, Christus.

Regenerative Energie, stets im Wandel, stets neu.
Ich bin die Dynamik im Suchen und Fragen,
bin deine Sehnsucht, Mensch.

Warum erschrecken wir dann so,
wenn Du überraschend anders zu uns kommst,
in Formaten, die alte Bilder sprengen?

Unfassbar bist Du, aber so verwundbar,
wenn es um die Liebe geht.

Deshalb ist das Christentum auch keine Buchreligion, sondern ein Gottvertrauen, das aus der Begegnung lebt. Aus der Begegnung mit anderen Menschen, die auf einem ähnlichen Weg sind. Und aus der Begegnung mit Gott selbst. Dazu sind wir eingeladen. Immer wieder. Gerade auch hier, jetzt und heute, wenn wir gemeinsam Abendmahl feiern.