Augustiner in Erfurt

Pastoral der Augustiner in Erfurt

Wie kann Gemeinde funktionieren? Historisch gesehen revolutionierten die Mendikanten (Bettelorden) die Seelsorge. Beziehungen zu den Menschen, für die sie da sein wollten, bilden die Basis der Pastoral. Bruderschaften (Freundeskreise) sorgten für ein enges Geben und Nehmen zwischen Gemeinden und ihren Seelsorgern aus den Orden.

In enger Verbindung mit den Menschen sein, zu denen wir gesandt sind, ist auch heute für uns Augustiner in Erfurt wichtig. Das betrifft konkret auch die Organisation.
„Nur so viel (formale) Struktur wie nötig und so viel Offenheit wie möglich“, lautet unsere Faustregel. Satt gewählter Gremien laden wir monatlich zur Gemeindeversammlung. Hier soll alles besprochen werden. Am großem Tisch in der Apsis der Brunnenkirche findet außerdem das wöchentliche Bibelteilen statt sowie die „Tischgespräche“ zu theologischen Themen der Liturgie, der Ökumene und Themen, die sich aus dem Tagesgeschehen heraus ergeben (z.B. nach der Landtagswahl in Thüringen). Hin und wieder feiern wir werktags eine Tisch-Eucharistie.
Hinzukommen, mitreden und mitentscheiden kann also jede und jeder, der sich der Gemeinde verbunden fühlt. Wir reflektieren die Ereignisse der zurückliegenden vier Wochen, immer bewusst, dass wir uns vom Geist Gottes führen lassen wollen. War das spürbar? Wo genau ist es uns deutlich geworden?
Kann das funktionieren? Wer noch nicht so lange bei uns ist, sollte doch nicht gleich mitentscheiden! – Antwort: Was in der Gemeinde Resonanz erzeugt, was mitzieht und wofür Menschen Verantwortung übernehmen, kann gelingen. Sonst war es höchstens eine gute Idee.
Habe ich vergessen, dass wir eine Gemeinde sind, die sehr ökumenisch unterwegs ist? Nein. Aber wir reden nicht so viel darüber. Wer die Ökumene ständig betont, unterstreicht damit die Unterschiede. Wir sind als Gemeinde um Christus versammelt. Er ist die Mitte.
Was wir tun, reflektieren wir theologisch. Etwa die Frage, wie wir die Kommunion austeilen und empfangen: in jeder Messe Brot und Wein im Kreis, wir kommunizieren zusammen, es gibt Einzelbecher. Dass Altar, Ambo und die Stühle als Ellipse stehen, ist für uns selbst-verständlich.
Mitarbeit ist mitwirken. Niemand muss den Priestern bei deren Ideen helfen. Platz bekommt, was in der Gemeinde Resonanz hat, was von jemandem verantwortet wird und wo etliche mittun wollen.
So hat Gemeindeleitung eine sehr angenehme Rolle. Hier laufen zwar die Fäden zusammen. Aber die Priester bleiben vor allem Seelsorger, welche die spirituelle Dimension unseres Engagements anmahnen. Für sie bleibt vor allem Raum für Pastoral, Sakramentenspendung und Einzelgespräche.
Es gibt bei uns eine sehr hohe Bereitschaft zum Engagement – und sei es, das Gemeindeleben im Gebet mitzutragen. Evangelische Pastoren und Pastorinnen, katholische Priester im Ruhestand und Laien, die es können, predigen und übernehmen Gottesdienste und Wort-Gottes-Feiern. Es entsteht eine gute Vielfalt in den Stilen, die der Gemeinde guttut.
So aktualisieren wir heute die menschennahe Pastoral der Augustiner in einer Großstadt.

Ein wenig Geschichte

Die Augustiner und die Stadt Erfurt verbindet eine sehr lange Geschichte, wenn auch mit einigen längeren Unterbrechungen. Die Historie verpflichtet uns, aber die Gegenwart gilt es zu gestalten. Hier kannst Du einen Gang durch die Geschichte unternehmen. Das sind die Wurzeln, aus denen wächst, wie Du heute unsere Pastoral erfahren kannst.

Eine Gemeinschaft von Eremiten

Wie? Augustiner-Eremiten? Einsiedler? Ihr lebt doch in Gemeinschaft!

Ja, genau. Aber unser Ursprung liegt tatsächlich in den Höhlen und Eremitagen der Toskana. Wenige Jahre nach den Heiligen Dominikus und Franz von Assisi, die Initiatoren großer geistlicher Bewegungen, erkennt ein römischer Kardinal das große Potenzial der neuen Form klösterlichen Lebens: der Bettelorden (Mendikanten). Zugleich will er dafür sorgen, dass auch hier eine gewisse Diversität entsteht.

Die kurze Klosterregel des hl. Augustinus (354-430) vor Augen reist Kardinal Richard Annibaldi 1243/44 in die Toskana und ruft etliche kleinere Gemeinschaften zusammen. Vermutlich musste er ziemlich Druck ausüben, damit die Einsiedler sich auf das Experiment einließen: ihre Einsamkeit zu verlassen und Seelsorger in den stark wachsenden Städten zu werden. Augustinus als „Ordensvater“ inspirierte die Brüder des neuen Ordens von Anfang an und war die Integrationsfigur dieser teilweise sehr unterschiedlichen Gründungsgemeinschaften. Der Orden hat also einen doppelten Ursprung: eine Wurzel liegt im klösterlichen Leben Augustins und seiner Regel, eine andere bei den Eremiten der Toscana. Noch bis 1963 trugen der Orden offiziell den Namen „Orden der Eremiten des hl. Augustinus“ oder „Augustiner-Eremiten“ (OESA).

Das Experiment gedieh so gut, dass Kardinal Annibaldi 12 Jahre später (1256) den Orden in Santa Maria del Popolo (Rom) als internationalen Orden noch einmal neu aufstellte.

Bereits im selben Jahr gab es auch erste Augustinerklöster in Deutschland. Ende 1258 siedelten sich Augustiner in Gotha an. Von dort aus versuchten sie 1266 die Gründung eines Konventes in Erfurt, wurden jedoch 1273 wieder aus der Stadt vertrieben. Erst die Bildung einer Bruderschaft - einer "Personalgemeinde" - gab einer neuerlichen Gründung 1276 Bestand.

Das Kloster entwickelte sich schnell zu einem Zentrum der Seelsorge und der Wissenschaften. Wegen der Präsenz mehrerer Orden mit angeschlossenem Generalstudium konnte Erfurt 1389 als fünfte Universität in Deutschland begründet werden. Ihre Wurzeln gehen aber bereits in das 13. Jahrhundert zurück.

Luther und die Augustiner

Ob wirklich ein Blitz in einem furchtbaren Gewitter vor Stotternheim am 2. Juli 1505 Luther den Gedanken des Klosterlebens einbrannte? Oder steckt hinter dem „Gelübde in höchster Not“ letztlich die Angst vor der vom Vater arrangierten Hochzeit?

Die Faktenlage: 1501 immatrikuliert sich der junge Martin als Student der „sieben freien Künste“ an der Universität Erfurt. Unterkunft findet er in der Georgenburse. Der straffe Tagesrhythmus sieht selbstverständlich täglich den Besuch der Messe in der nahegelegenen Nikolaikirche vor, der Kirche des Deutschen Ordens. Priester jedoch ist sehr oft ein Mönch des benachbarten Augustinerklosters. Luther trifft also ab seinem ersten Tag in Erfurt fast täglich einen Augustiner.

Nehmen wir an, er hätte wenigstens sonntags eine andere Kirche in Erfurt besucht. Auch dann wäre die Chance nicht gering gewesen, wieder einen Augustiner vor sich zu haben. Denn sie waren in diesen Jahren die Prediger der Stadt und genossen einen sehr guten Ruf.

Noch etwas dürfte Martin Luther an den Augustinern gereizt haben: Das Erfurter Kloster stellte den Novizen eine eigene Bibel zur Verfügung. Das war im ausgehenden Mittelalter alles andere als selbstverständlich!

Am 17. Juli 1505 bittet Martin Luther den Erfurter Augustinerkonvent um Aufnahme. Der gehörte zur „Reformkongregation“, dem Verbund derjenigen Klöster, die sich strikt an die Ordensregel gebunden wussten. 1508 sind hier 52 Mönche bezeugt. Schon seit dem 14. Jahrhundert konnten hier junge Brüder aus ganz Mitteleuropa ihre theologische Ausbildung absolvieren. 1516 wurde zudem das große Bibliotheksgebäude fertiggestellt. Das Erfurter Kloster war ein Hort des Wissens und der praktischen Theologie.

Oberer der Reformkongregation war Generalvikar Johann von Staupitz, der Luthers Lehrer, Förderer und väterlicher Freund wurde. Mit Unterbrechungen gehörte Luther bis zum Jahr 1511 dem Erfurter Konvent an.

Viele Augustiner schlossen sich ihrem Mitbruder und (oft auch) Lehrer Martin Luther an. Sie verließen die Klöster. Häufig wirkten sie selbst als Reformatoren, wie seit 1522 etwa der frühere Erfurter Prior, Luthers Freund Johannes Lang.

Dadurch war auch das Ende der Reformkongregation besiegelt, zu welcher der Erfurter Konvent zählte. Von den 160 Augustinerklöstern in Deutschland gingen dem Orden 69 verloren. 1556 starb der letzte Erfurter Augustiner im alten Kloster, das 1559 endgültig säkularisiert wurde. Zwei Jahre später richtete der Rat der Stadt dort das Ratsgymnasium ein. 1646 zog die Bibliothek des Evangelischen Ministeriums in das Gebäude. Ab 1669 wurde ein weiterer Teil als evangelisches Waisenhaus genutzt.

Ab dem 04. Juli 1656 forderten die Augustiner unter Frater Magister Augustinus Gibbon de Burgo vehement die Rückgabe des Klosters, was der Rat der Stadt ebenso vehement verweigerte. Auf Vermittlung von Weihbischof Johann Daniel Gudenus und durch seine finanzielle Unterstützung konnte der Orden schließlich 1651 den sogenannten Valentinerhof neben der Mainzer Statthalterei erwerben.

Am 1. Oktober 1668 übergab Erzbischof Johann Philipp von Mainz den Augustinern die Hofkirche und Pfarrei St. Wigbert „zu ewigem Gebrauche“. 1680-95 errichtete der Orden das neue, große Kloster (Wigbertihof). Der evangelische Rat der Stadt beteiligte sich mit einem stattlichen Betrag am Neubau. In diese Zeit fällt die letzte große Pestepidemie, der damals rund 60% der Bevölkerung Erfurts zum Opfer fielen. Trotzdem blieb die Spendenbereitschaft der katholischen wie evangelischen (!) Bürger ungebrochen. Ein Indiz, dass die Augustiner damals an ihre gute Seelsorgstradition anknüpfen konnten. Erst die Säkularisation löste 1822 auch dieses zweite Augustinerkloster auf.

Rückkehr nach Erfurt im 21. Jahrhundert

Seit September 2013 sind wieder Augustiner in der Stadt präsent.

Am 11. November 2019 wurde der Erfurter Konvent unter dem Patronat des Heiligen Martin von Tours errichtet.

Von Ende 2016 bis August 2021 genossen die Augustiner Gastrecht in der Evangelischen Reglerkirche, der früheren Stiftskirche der „Regularkanoniker“ oder „Augustiner-Chorherren“.

Ausgerechnet zu Beginn des Reformations-Gedenkjahres 2016/17 war der Gemeindekirchenrat von Regler mit einem konkreten Angebot auf den Augustinerkonvent zugegangen und hatte den Brüdern und ihren Freunden die Türen geöffnet. Schnell war man sich einig geworden. Am 1. Advent 2016 überreichte Ulrich Oelze, Vorsitzender des Gemeindekirchenrates, die Schlüssel in einem bewegenden Gottesdienst. Zwei Konfessionen nutzten von nun an sowohl die Kirche als auch das Gemeindehaus gemeinsam. Alle blieben in ihrer jeweiligen Konfession beheimatet. Nichts sollte vermischt werden. Aber als Christen wollten wir miteinander auf den einen HERRN hören und aus Seinem Geist heraus handeln. Dr. Ulrich Neymeyr, der Bischof des Bistums Erfurt, dankte in einem Brief der Reglergemeinde für die Gastfreundschaft. Er sah darin „ein schönes und beeindruckendes Zeichen des ökumenischen Miteinanders“ und äußerte die Hoffnung, dass beide Gemeinden einander bereichern mögen. Landesbischöfin Ilse Junkermann begrüßte die Kooperation ebenfalls in einem Brief: „Ich freue mich sehr, dass Sie diesen ökumenischen Weg gehen.“

Diese enge Kooperation mit der Reglergemeinde wurde zum 1. September 2021 ausgesetzt.